Wissenschaftliche Fakten humorvoll präsentiert

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Mit Humor geht alles besser. Alles, das können auch wissenschaftliche Fakten sein. Für das Sonderheft „Power fürs Hirn“ von bild der wissenschaft hat der Wissenschaftsjournalist Frank Frick einen Text geschrieben, der Fakten humorvoll präsentiert und ein wenig aus den herkömmlichen journalistischen Stilformen herausfällt. Wie gefällt Ihnen der Artikel? Daneben hat Frank Frick für das Heft auch zahlreiche klassische populärwissenschaftlichen Features und Berichte verfasst.

Cover Power fürs Hirn

Fragen an Dr. Clever

Was man wissen muss, wenn das Abitur ansteht.

Da ich nächstes Jahr nach meinem Abitur Medizin studieren will, brauche ich einen Notendurchschnitt von 1,0. Was soll ich tun, Dr. Clever?

Lernen, Debbie, was sonst?

Das wird kaum reichen. Der Tag hat nur 24 Stunden und schlafen muss ich auch. Allerdings nimmt eine Mitschülerin Pillen, durch die sie länger wach und konzentriert bleibt …

Früher haben wir uns dafür einen Kaffee reingezogen. Da gibt es übrigens die interessante wissenschaftliche Erkenntnis, dass fünf bis sechs Tassen Kaffee einen Menschen nach 85 Stunden Schlafentzug genauso gut wieder in die Spur zurückbringen wie 400 Milligramm Modafinil oder 20 Milligramm Amphetamin.

Die Tests waren wohl einfacher als die Rechnung, wie viele Tage 85 Stunden sind. 3,5 Tage ohne Schlaf – wer denkt sich denn so etwas Unmenschliches aus? Und sind Amphetamine nicht verboten?

Das war natürlich Militärforschung, genauer gesagt die Forschung des „Walter Reed Army Institute of Research“ in Silver Spring, USA. Und klar, Amphetamine sind hierzulande illegal. Wer mit Amphetaminen handelt, läuft in Gefahr, Bekanntschaft mit der Polizei zu machen – und wer Amphetamine nimmt, erhöht sein Risiko um das Fünffache, an einer Psychose zu erkranken.

Wahnsinn, dürfen doch in den USA Ärzte Kindern ein Amphetamin namens Adderall verordnen, wenn diese unter Aufmerksamkeitsstörungen leiden. Aber es bleibt ja noch Modafinil – gehandelt etwa unter den schönen Namen Vigil oder Provigil – um länger Formeln und Vokabeln pauken zu können. Modafinil ist doch zugelassen?

Wenn damit gemeint ist, dass man Modafinil auf Rezept bekommt: Ja. Aber nur, sofern man unter Narkolepsie leidet, also tagsüber krankheitsbedingt dauernd einschläft. Für alle anderen Indikationen – etwa Schlafstörungen bei Schichtarbeitern – hat die Europäische Arzneimittelagentur 2011 Modafinil die Zulassung entzogen, wegen eines zu ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses. Aber natürlich sind junge Menschen ausgeschlafen genug, um sich das Zeug trotzdem und rezeptfrei über das Internet zu besorgen. Vielleicht sollten sie aber lieber tief schlafen und sich währenddessen Rosenduft um die Nase wehen lassen…

Hä, wieso das denn?

Weil Forscher der Universität Lübeck schon 2007 etwas sehr Interessantes herausgefunden haben: Wenn man etwas lernt, dabei über eine Duftlampe verteilten Rosenduft riecht, und später dann in der Tiefschlafphase erneut dem Rosenduft ausgesetzt wird, so erhöht sich die Chance, das Gelernte über Nacht auch zu verinnerlichen – Fachleute sprechen von einer verbesserten Gedächtniskonsolidierung.

Im Schlaf lernen, krass.

Na ja, es bleiben schon viele Fragen offen. Beispielsweise die, ob der positive Effekt auch dann erhalten bleibt, wenn man diesen Trick nicht nur einmalig, sondern über Monate hinweg anwendet.

Schade, außerdem muss man erstmal lernen, was sich konsolidieren soll. Aber mal was anderes: Der Gerd, der war doch früher so ein Zappelphilipp und hatte schlechte Noten. Heute ist er sogar in Mathe besser als ich. Der schluckt Ritalin. Vielleicht würde ich davon auch profitieren?

Oh, Ritalin, die Mutter allen Hirndopings. 2011 wurden von Methylphenidat, wie der Wirkstoff von Ritalin heißt, allein in Deutschland 170000 Kilogramm verkauft. Namensgeberin für Ritalin war übrigens Rita, die Ehefrau des Methylphenidat-Erfinders Leandro Panizzon, die das Mittel schluckte, um ihr Tennisspiel zu verbessern …

Zur Sache bitte.

Es gibt von Kopfschmerzen bis zu Selbstmordgedanken eine Reihe von Nebenwirkungen. Ritalin verbessert bei Gesunden nach der derzeitigen Studienlage die Aufmerksamkeit, aber nicht das Gedächtnis oder das Selbstvertrauen. Man kann Gerd für seine Leistungssteigerung nur gratulieren, aber ob sie auf Ritalin zurückzuführen ist und ob sie sich auf Gesunde übertragen lässt, ist eher zu bezweifeln.

Hhmmm… Manchen reicht eine zweifelhafte Wirkung aber schon aus, um mit Pillen zu experimentieren. Wenn das immer mehr meiner Mitschüler tun, gerate ich da nicht ins Hintertreffen?

Über die Frage, inwieweit man unter gesellschaftlichen Druck geraten kann, gegen die eigene Überzeugung Hirndoping-Mittel einzunehmen, wird schon seit einigen Jahren von Sozial- und Politikwissenschaftlern, Ethikern und Medizinern ebenso diskutiert wie von Journalisten und Zukunftsforschern. Meine Antwort: So lange die Medikamente so unwirksam sind wie die heutigen, haben Nicht-Schlucker keine Nachteile, im Gegenteil, denn sie leiden nicht unter den Nebenwirkungen.

Aber vielleicht gibt es ja doch irgendwo ein ganz, ganz geheimes Wundermittel?

Dann musst Du auch dran glauben, dass eine andere Mannschaft als Bayern München diese Saison Meister wird. Oder daran, dass jemand richtig vorhersagen kann, wie alt Du wirst. Oder daran,  dass sich das Klima plötzlich nicht weiter erwärmt. Ach, lassen wir das lieber, auch wenn ich gerade Spaß an diesen Vergleichen bekomme.

Sehr witzig. Sie wollen mir tatsächlich weismachen, Pauken sei der einzige Weg zu einem guten Abi?

Sag ich doch.

Autor: Frank Frick

seit 1995 freier Wissenschaftsjournalist, promovierter Chemiker. einjährige Journalistenschule Wissenschaftsjournalismus Praktika in der Öffentlichkeitsarbeit. 1997-2000: freier Redakteur der Zeitschrift „bild der wissenschaft“. 2012: Kurator der Ausstellung „Science Tunnel 3.0“ der Max-Planck-Gesellschaft, 2012-2015: Lehrbeauftragter der Universität der Saarlandes, Zertifikat „Wissen und Kommunikation“.

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