Herausgeforderter Umweltjournalist

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„Der Umweltjournalist steht vor besonderen Herausforderungen“, schreibt das Deutsche Journalisten Kolleg. Ja, das habe ich bei meiner Recherche zum Thema „Feinstaub aus der Landwirtschaft“ durchaus empfunden. Der Sachverhalt ist komplex und kompliziert: Während man sich sehr leicht vorstellen kann, dass Autos und Industrieschlote neben klima- und gesundheitsschädlichen Abgasen auch Feinstaub ausstoßen, fragt man sich nicht nur als Umweltjournalist doch als erstes: Wie zum Teufel soll ein Bauernhof Feinstaub verursachen?

Obwohl ich als Chemiker die Antwort der Wissenschaft auf diese Frage schnell als plausibel einstufte, so fand ich es doch sehr schwer, die Größenordnung des Problems zu erfassen. Übertreibt da jemand maßlos, etwa um die Bedeutung der eigenen Forschung herauszustellen? Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung der Umweltforschung fragte ich mich: Ist vielleicht die Industrie und speziell die Automobilbranche froh, von sich ablenken und mit dem Finger auf Andere zeigen zu können? Schließlich weiß ich: „Der Umweltjournalist bewegt sich meist auf einem äußerst schmalen Grad, will er sich nicht von verschiedenen Interessengruppen instrumentalisieren lassen“, so das Deutsche Journalisten Kolleg.

Und die Fragen gingen weiter: Wie seriös sind Berechnungen, die auf Basis von Computermodellen den Feinstaub für jährlich 120 000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich machen? Die Antwort auf diese Frage fordert neben dem Umweltjournalisten auch den Medizinjournalisten und den Wissenschaftsjournalisten…

Objektiv und verständlich sollte das Ergebnis meiner Recherchen sein. Urteilen Sie selbst. Den layouteten und vollständigen Artikel finden Sie in der Zeitschrift „natur“, Ausgabe 10.

Umweltjournalist Frank Frick hat für die Zeitschrift natur den Artikel „Feinstaub vom Bauernhof“ geschrieben

Umweltjournalist über „Feinstaub vom Bauernhof“

Gülle auf dem Acker stinkt nicht nur, sie trägt auch zur Luftverschmutzung bei. Um die Umwelt zu schonen und die Feinstaubbelastung zu mindern, muss die Landwirtschaft künftig weniger Ammoniak freisetzen.

Saftige Wiesen, grüne Wälder, eine Bilderbuch-Landschaft unter blauem Himmel: das Allgäu in Bayern. Mittendrin Bauernhöfe, in deren Ställen Milchkühe stehen, ebenso wie auf den Weiden drumherum. Viel Natur, wenig Verkehr, keine Industrieschlote – so sieht für uns eine Idylle auf dem Land aus, im Süden wie im flachen Norden. Dazu passt auch der Traktor, mit dem der Bauer über seine Felder fährt, auf denen bald Weizen, Roggen und Gerste wachsen wird, und Gülle ausbringt. Selbst einige Hundert Meter weiter steigt einem der stechende Geruch noch in die Nase. Doch die meisten Menschen stören sich nicht daran, selbst die Besucher aus der Stadt nicht. Ist ja gesund, die „frische Landluft“, heißt es. Doch dieses geflügelte Wort ist trügerisch: In Wahrheit ist die Gülle auf den Feldern eine ebenso große Quelle für Feinstaub wie der Verkehr in Innenstädten und damit eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Gesundheit. „Landwirtschaft ist wahrscheinlich nicht das Erste, was einem durch den Kopf geht, wenn man über die wichtigsten Quellen für Luftverschmutzung nachdenkt. Doch Emissionen aus der Landwirtschaft tragen erheblich zur Feinstaub-Belastung bei“, schrieben Wissenschaftler des Potsdamer Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung bereits im Jahr 2016.

Die erschreckende Dimension, um die es dabei geht, verdeutlichen aktuelle Berechnungen von Forschern des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz: Demnach sterben jedes Jahr rund 50000 Menschen in Deutschland vorzeitig an Feinstaub, der von der Landwirtschaft verursacht wird. Wie soll das möglich sein? Die Tiere und Landmaschinen wirbeln zwar Sandkörner oder Getreidepartikel auf, und die Dieselmotoren der Traktoren spucken Ruß aus. Doch die Partikel-Mengen sind nahezu vernachlässigbar, verglichen mit denen, die vom städtischen Verkehr und aus der Industrie stammen. Tatsächlich produziert die Landwirtschaft den Feinstaub auf eine andere – indirekte – Weise.

Der Feinstaub, um den es geht, bildet sich aus Ammoniak. Dieses unangenehm riechende und giftige Gas reagiert in der Atmosphäre mit Stickoxiden, Schwefeldioxid, Salpeter- und Schwefelsäure zu Salzen wie Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat. Die entstehenden Ammoniumsalze verbleiben als Feinstaub mehrere Tage in der Atmosphäre. Wind kann sie in dieser Zeit über mehrere Hundert Kilometer transportieren. Quellen für das Ammoniak sind Mist und Gülle aus der Tierhaltung sowie Mineraldünger. Mehr als 600 000 Tonnen dieser chemischen Verbindung setzen die deutschen landwirtschaftlichen Betriebe jährlich frei.

Die Verteilung von Luftschadstoffen und ihre komplexen chemischen Reaktionen in der Atmosphäre lassen sich nur mit Computermodellen beschreiben. Solch ein Modell haben auch die Mainzer Wissenschaftler benutzt. Als Ergebnis liefern die Simulationen Angaben darüber, in welcher Konzentration und Größe Feinstaubpartikel in den betrachteten Regionen auftreten. Das Modell der Mainzer wurde vielfach darauf geprüft, ob es die realen Verhältnisse richtig beschreibt: Dazu haben Wissenschaftler seine Ergebnisse mit den Werten verglichen, die bei den jeweiligen Wetter- und Emissionsverhältnissen gemessen wurden.

Ein geprüftes Modell kann vertrauenswürdige Antworten liefern auf die Frage „Was wäre, wenn…“. Die Mainzer Atmosphärenchemiker haben schon 2017 den Computer mit der Annahme gefüttert, dass die Landwirtschaft weltweit nur noch die Hälfte der bisherigen Ammoniakmenge freisetzt. Daraufhin hat er ausgespuckt, wie sich der Feinstaub mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern in Europa verringern würde: Seine Konzentration würde im jährlichen Mittel um 11 Prozent sinken. Bei noch stärkerer Verminderung der Ammoniak-Emissionen ließe sich die Feinstaub-Belastung in Europa um bis zu 34 Prozent reduzieren.    

Brisant werden solche Ergebnisse, wenn man sie mit Daten aus medizinischen und epidemiologischen Studien verknüpft, die einen Zusammenhang zwischen der Feinstaubbelastung und der Gesundheit der Bevölkerung herstellen. Genau das haben die Mainzer Wissenschaftler Anfang 2019 getan. Demnach sind in Deutschland mehr als 120000 attributable Todesfälle – wie vorzeitige Todesfälle im Fachjargon heißen – pro Jahr auf Feinstaubbelastung zurückzuführen. Gäbe es keine Ammoniakemissionen aus der Landwirtschaft, wären es 45 Prozent weniger.

„Attributable Todesfälle sind ein gut funktionierendes Maß, mit dem die gesundheitlichen Auswirkungen durch verschiedene Umwelteinflüsse oder Lebensstilfaktoren in einer Bevölkerung miteinander verglichen werden können. Allerdings sind sie nicht geeignet, um sie beispielsweise gezählten Verkehrstoten gegenüberzustellen“, erläutert dazu Barbara Hoffmann, Professorin für Umweltepidemiologie an der Universität Düsseldorf. Denn die Todesursache „Feinstaub“ gibt es nicht, genauso wenig wie die Todesursache „Rauchen“. Stattdessen sterben Menschen etwa an einem Herzinfarkt. Feinstaub oder Rauchen erhöhen allerdings das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen. Mit anderen Worten: Wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet, kann man nicht sagen, warum gerade bei ihm ein Herzinfarkt aufgetreten ist. Doch man kann durchaus feststellen, ob an Tagen mit besonders hohen Feinstaubwerten mehr Menschen als sonst Herzinfarkte erleiden. Oder ob in Gebieten mit hoher Feinstaubbelastung mehr Menschen einen Herzinfarkt bekommen als in anderen Regionen.

Die Zahlen der Mainzer Atmosphärenchemiker berücksichtigen eine internationale Analyse, nach der die Sterblichkeit mit steigender Feinstaubkonzentration stärker zunimmt, als es beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation WHO bisher berechnet hatte. Die Autoren dieser Metaanalyse haben 41 zum Teil neue epidemiologische Studien aus aller Welt statistisch zusammengefasst. „Sie sind dabei nach allen Regeln der Kunst vorgegangen“, urteilt Barbara Hoffmann, die an der Analyse nicht beteiligt war.

Bauernverbände ordnen die neuen Zahlen der Mainzer Wissenschaftler trotzdem erwartungsgemäß als „spekulative Hochrechnungen“ ein und finden die „Schuldzuweisung an die Landwirtschaft absurd.“ Doch der Stand der Wissenschaft rechtfertigt die Forderung an die deutsche Landwirtschaft, ihre Ammoniakemissionen deutlich zu reduzieren:

Die Landwirtschaft ist für 95 Prozent der Ammoniak-Emissionen verantwortlich.
• Ammoniak reagiert in der Atmosphäre mit anderen Luftschadstoffen zu Feinstaub.
• Die in Deutschland herrschende Feinstaubbelastung senkt die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung um mindestens sechs Monate.
 • Feinstaub ist in Deutschland der weitaus wichtigste umweltbedingte Risikofaktor für die Gesundheit.
Mag die Rolle, die Ammoniak-Emissionen für die Feinstaub-Problematik spielen, erst jetzt in ihrem ganzen Ausmaß deutlich werden, so sind andere schädliche Einflüsse schon lange bekannt: Der Stickstoff-Eintrag aus den Emissionen trägt dazu bei, dass Wälder, Moore und andere empfindliche Ökosysteme versauern und mit Nährstoffen überversorgt werden. So verändert er die Artenvielfalt. Außerdem wandelt sich Ammoniak in der Umwelt auch zu klimaschädlichem Lachgas oder zu grundwasserbelastendem Nitrat um.

Das Ziel: Ammoniakemissionen reduzieren

Wenn Sie wissen wollen, mit welchen Rezepten Landwirte die Ammoniakemissionen und damit den Feinstaub verringern können, müssen Sie sich den Original-Artikel besorgen.

Autor: Frank Frick

seit 1995 freier Wissenschaftsjournalist, promovierter Chemiker. einjährige Journalistenschule Wissenschaftsjournalismus Praktika in der Öffentlichkeitsarbeit. 1997-2000: freier Redakteur der Zeitschrift „bild der wissenschaft“. 2012: Kurator der Ausstellung „Science Tunnel 3.0“ der Max-Planck-Gesellschaft, 2012-2015: Lehrbeauftragter der Universität der Saarlandes, Zertifikat „Wissen und Kommunikation“.

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